Die Zahl der Ausmusterungen vervierfachte sich somit innerhalb von acht Jahren bzw. hat sich um mehr als 300 % erhöht, d. h. drei von vier im Jahr 2008 ausgemusterten Personen wären 2000 noch tauglich gewesen. Es ist jedoch zu beachten, dass nach 2004 der Tauglichkeitsgrad T3 (eingeschränkt tauglich) entfallen war und alle Personen mit diesem Grad als T5 (untauglich) deklariert wurden. In der Presse und bei den Oppositionsparteien hat dies vielfach die Kritik nach sich gezogen, dass die Musterung eher als Verfahren zum Aussortieren überschüssiger Personen eines Jahrgangs diene. [10] So beschrieb der Schriftsteller Kurt Tucholsky den Typus des Musterungsarztes als einen “Hausknecht des Krieges”, einen “Zuhälter des Todes, der sich Arzt nannte”, der als “Auftreiber in Diensten der Kanonenfutterzentrale” (d. h. des Musterungsamtes) sich der Aufgabe verschrieben habe, Menschen in „ein paar hunderttausend Liter Blut, zum Schmieren der Kriegsmaschine“ zu verwandeln. Durch ihre Bereitschaft hieran mitzuwirken seien die betreffenden Ärzte von ihrer eigentlichen Aufgabe, Feinde der Krankheiten und des Todes zu sein, zu Feinden des Lebens, also zum Gegenteil dessen was ihr Berufsstand eigentlich sein sollte, geworden. [14] Der österreichische Essayist Alfred Polgar zeichnete zur selben Zeit in gleicher Weise das Bild von den Musterungsärzten als Bluthunden, die dem Sterben auf den Schlachtfeldern den Nachschub „apportiert“ hätten: So beschrieb er in seinem Aufsatz “Der Teisinger” den Rekrutierungsbeamten Teisinger als einen Menschenjäger, einen „stumpfen, urteilslosen, fleißigen Gehilfen in der Großmetzgerei des Krieges“, der während der Jahre 1917 und 1918 – begleitet von einem Militärarzt als seinem „gut abgerichteten Jagdhund“ – auf die „Pirsch“ nach Opfern gegangen sei , die er als menschlichen Nachschub in den Schlund des Krieges geworfen habe: Als dienstbeflissener Gehorsamsmensch habe er das „rudelweise vor ihn getriebenen schlotternden“ Menschenmaterial, unbeeindruckt von dem ihm entgegenschlagenden „Dunst von Seelenqual, Schweiß und Todesangst“ mitleidlos ins Verderben geschickt habe, indem er Versuche die Ausmusterung zu erlangen, erbarmungslos abgeschlagen und als “Unheilland” „die Lahmen aufstehen und (in die Schützengräben) gehen“ habe lassen , „die Blinden (den Einrückungsbefehl) sehen“ habe lassen und „die Tauben (ihr Todesurteil) hörend“ gemacht habe. [15] Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, ein Überlebender des Warschauer Ghettos, stellte eine mehrbändige Sammlung von Aufsätzen Polgars, die er 1983 herausgab, aufgrund der großen Zahl von Beiträgen Polgars, die autoritäre Institutionen wie das Militär in kritisch-prüfender Weise besichtigen, unter dem Titel Musterung, wobei Reich-Ranicki – in Rückschau auf seine eigene Biographie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die „herzlosen Militärärzte“, als den Ermöglichern des Krieges , als einen von mehreren Urtypen der Unmenschlichkeit herausstellte, welche Polgar dem Leser in seinem Werk eindringlich vorzuführen versuche, um ihm begreifbar zu machen, vor welchen Sorten von Mensch er sich hüten sollte, da sie durch ihre fatale Wirksamkeit dafür verantwortlich gewesen seien, einem ganzen Zeitalter sein leidvolles Gepräge aufzudrücken und dies durchaus wieder tun könnten.

[16] Der Tauglichkeitsgrad (auch Signierziffer) beschreibt das musterungsärztliche Begutachtungsergebnis der Bundeswehr. Gemäß Wehrpflichtgesetz werden drei Tauglichkeitsgrade unterschieden.